Scham (Teil 1)

Letzten Donnerstag ist mir etwas richtig bescheuertes passiert. Ich schäme mich deshalb in Grund und Boden und hadere deshalb sehr stark mit mir selber.

Ich habe vor Kurzem einen neuen Job angefangen. Wir hatten dann am Donnerstag im Rahmen einer Einführungsveranstaltung, welche eine Woche lang dauerte, ein Kommunikationstraining.

Hört sich ja sehr gut an, wenn man ein Kommunikationstraining bekommt und ich war gespannt und hatte eigentlich Lust darauf, etwas zu lernen. Das Kommunikationstraining wurde von einem externen Trainer zusammen mit einem Kollegen (nennen wir ihn der Einfachheit halber hier Alex), der eine höhere Position in der Firma inne hat, gehalten.

Da saß ich also mit meinen 10 neuen Kollegen und den beiden Trainern in dem Raum und lies mich zunächst über die Theorie einer guten Kommunikation belehren. Im Anschluss an die Theorie sollten aber praktische Übungen stattfinden. Jeder Teilnehmer des Kommunikationstrainings sollte einen Praxisfall bekommen, ausarbeiten und ihn dann vor allen zusammen mit Alex unter Aufsicht des externen Trainers durchspielen. Danach wurde eine kurze Feedback-Runde über das Gespräch eröffnet.

Leider kommen bei so einer Übung zwei meiner größten Ängste auf einmal zu tragen: Prüfungsangst und die Angst, vor Leuten zu sprechen.

Ich habe den ganzen Tag mit mir gehadert und mich zum Schluss dennoch dafür entschieden, es zu machen, weil ich immer an Christian Bischoff und seine „Ängste überwinden“-Übung denken musste, welche wir auf seinem Seminar DKDDZM gemacht haben. Ich wollte meine Ängste wirklich überwinden.

Leider ist die Angst, vor Leuten zu sprechen und das auch noch in einer Prüfungssituation ziemlich Tief in mir verankert, seit ich meine Bachelor-Arbeit präsentiert habe und mich mein Professor daraufhin vor all meinen Kommilitonen total fertig gemacht hat. Ich muss auch ehrlich sagen, dass ich seit meiner BA-Präsentation (Juli 2015) nicht mehr vor Leuten gesprochen habe.

Ich war als Vorletzte dran, weil immer wenn der Trainer gefragt hat, wer als Nächstes will, ich nicht den Mut hatte, mich zu melden. Ich hab dann während des Wartens Durchfall bekommen und mir war total schlecht. Typische Symptome, die ich habe, wenn ich mich solchen Situationen aussetzen muss.

Als ich dann schließlich doch dran war, musste ich zunächst meinen Fall, um welchen es in dem nachfolgenden Gespräch gehen sollte, den anderen Teilnehmern schildern. Ich habe dabei dann so wirres Zeug geredet, dass Alex den Sachverhalt nochmal geschildert hat, dass es jeder weiß, worum es genau geht.

Ich bin dann also vor auf die Bühne gegangen und habe mich Alex gestellt. Am Anfang lief das Gespräch eigentlich ganz gut, weil ich mich darauf vorbereiten konnte. Leider war es natürlich die Aufgabe von Alex total gemein, aufmüpfig und uneinsichtig zu reagieren, um uns aus der Reserve zu locken. Leider hat mich das total aus dem Konzept gebracht und ich habe dann entsprechend panisch reagiert. Sofort hat sich mein „Fluchtmodus“ im Kopf aktiviert und ich wollte einfach nur noch raus aus der Situation. Natürlich konnte ich nicht aufstehen und weglaufen. Was macht man also wenn man nicht weiterkommt und sich total überfordert fühlt und nicht weg kann?

JEP, heulen. Ich bin vor allen Kollegen und vor den Trainern in Tränen ausgebrochen. Erstmal hat keiner gecheckt was überhaupt los ist und ich konnte nur erklären, dass ich Prüfungsangst habe und es mir in der Situation einfach schlecht geht.

Die Kommunikationstrainer haben dann versucht, die Situation zu retten und haben dann so Sachen gesagt wie, dass jeder nervös ist und dass das ganz normal ist und dass sie Respekt vor mir haben, weil ich es trotzdem gemacht habe und bla bla bla. Ich konnte ehrlich gesagt gar nicht mehr genau zuhören, weil ich so damit beschäftigt war, meine Tränen unter Kontrolle zu bekommen – was mir leider kläglich misslang.

Als ich dann endlich wieder von der Bühne gehen konnte, bin ich erstmal mit Taschentüchern bewaffnet aus dem Raum geflohen. Ich bin dann woandershin gegangen wo ich allein sein konnte und hab mich nochmal richtig ausgeheult. Leider nicht so lange, wie ich es gerne getan hätte, weil ich nicht so lange von dem restlichen Training fernbleiben wollte. Ich hab mich dann so gut es geht wieder beruhigt und bin wieder in den Raum. Leider musste ich dann die ganze Zeit an die Situation denken und habe mich so sehr vor allen anderen geschämt, dass ich wieder die ganze Zeit am heulen war. Ich konnte es einfach nicht mehr stoppen. Als die Veranstaltung dann endlich zu Ende war, bin ich raus ins Auto und habe auf der ganzen Heimfahrt und dann zu Hause nochmal 2 Stunden oder so geweint. Ich war echt fertig und ich war sooooo wütend auf mich selber. Wieso ist mir das passiert? Es gab keinen Grund so zu reagieren. Ich konnte es selber nicht verstehen, weil für mich die Tränen auch total unerwartet kamen.

Zum Glück hatte ich am Freitag frei und konnte dann auch am Vormittag schon über das geschehene lachen und mit meinen Freund Witze darüber reißen. Ich bin dann zusammen mit meinem Freund noch zum shoppen in ein großes, schwedisches Möbelhaus gefahren, welches ca. 80km von meinem Arbeitsplatz entfernt liegt, und war eigentlich guter Dinge. Wir haben unsere Shoppingtour beendet und haben uns im Anschluss daran dann noch die berühmten Hotdogs gegönnt. Gerade als mein Freund weg war, um sich ein Getränk zu holen und ich zurückblieb, um bei unseren Einkäufen zu warten, steht plötzlich Alex vor mir. Sofort hat mein Gehirn wieder einen Aussetzer und ich hab bestimmt so ausgesehen, als ob ich einen Geist gesehen hätte. Ich habe dann natürlich wieder keinen geraden Satz zustande gebracht und Alex hat mich dann 2x gefragt, ob es mir gut gehen würde. Ich habe ihm versichert, dass alles ok sei und er hat mir dann ein schönes Wochenende gewünscht und ist wieder gegangen.

BÄÄÄÄHM, schon wieder blamiert! Natürlich war dann meine am Vormittag aufgebaute „drüber lachen“-Mentalität wieder wie weggeblasen und das gab mir dann den totalen Todesstoß. Alex ist wirklich total freundlich und ich habe ihn vom ersten Augenblick an gemocht, aber er war wirklich der aller aller aller LETZTE Mensch, den ich genau am Tag danach sehen wollte.

Dann ging das Gedankenkarussell wieder los:

  • Ich kann mich nie wieder in der Firma blicken lassen, wenn das die Runde macht
  • Ich bin nicht würdig, in dieser Firma zu arbeiten
  • Alex hält mich jetzt für die größte Idiotin, die es gibt
  • Ich werde sowieso gefeuert, weil solche Leute wie ich nicht gebraucht werden
  • Ich kann meinen neuen Kollegen nie wieder in die Augen sehen
  • ….

Mir war klar, dass ich jetzt etwas unternehmen muss, bevor ich mich zu sehr in das ganze reinsteigere und noch total durchdrehe.

Wie ich mit der Situation jetzt umgehe, berichte ich euch in meinem nächsten Blogpost.

Bleibt wild & wunderbar

Julia

Photo by Asdrubal luna on Unsplash

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